Local Heros auf Harris: In Seilebost im „alten Schulhaus“ treffen Gneiss und Glas aufeinander, Foto GOEDE

SEILEBOST (26.10.2026) Auf der Westseite von Harris, nahe der „Traumbucht“ von Seilebost mit dem gegenüberliegenden Strand von Luskentyre finden sich gleich „zwei Local Heros“ mit besonderen Fertigkeiten – der Bearbeitung von Stein und Glas.

Gneiss Things – Schmuck aus den ältesten Steinen der Äußeren Hebriden

Wer auf den Äußeren Hebriden unterwegs ist, läuft buchstäblich auf Geschichte. Die Felsen der Inselkette zählen zu den ältesten, die in Großbritannien natürlich an die Oberfläche treten, auf den Inseln sind manche Gesteine rund drei Milliarden Jahre alt. Auf der Isle of Harris hat sich ein junges Paar diesem Erbe verschrieben. Unter dem Namen „Gneiss Things“ verwandelt es Stein von den Inseln in Schmuck, Skulpturen und kleine Gebrauchsgegenstände.

Gneiss Things – Schmuck aus den ältesten Steinen der Äußeren Hebriden, Foto GOEDE

Eine Familie, eine Werkstatt

Hinter dem kleinen Unternehmen steht Suzanne Lambert und ihr Mann, die mit ihren beiden kleinen Kindern auf Harris leben. Die beiden wählen das Material gemeinsam aus, entwerfen die Stücke zusammen und sind an jedem Arbeitsschritt beteiligt. Sie sägen, formen, polieren, bohren, schleifen, binden und verpacken ihre Arbeiten in einer kleinen Werkstatt am eigenen Haus. Das Material stammt aus Bereichen, in denen der Mensch ohnehin schon in die Landschaft eingegriffen hat, die Natur wird also nicht zusätzlich verletzt. Der Betrieb bleibt bewusst klein und arbeitet, so Suzanne im Gespräch, nachhaltig.

Aber warum Gneis(s)?

Der Name ist Programm. Der „Lewisian Gneiss“ (Lewis Gneis), auf Englisch „nice“ ausgesprochen, prägt die Landschaft der Westlichen Inseln. Er ist kein einfaches Gestein, sondern entstand aus vulkanischen und sedimentären Ausgangsmaterialien, die über unvorstellbar lange Zeiträume mehrfach erhitzt, gepresst und aufgeschmolzen wurden. Dabei trennten sich helle Lagen aus Quarz und Feldspat von dunkleren mit Eisen und Magnesium. Die Streifen, die so entstanden, kennzeichnen den Stein bis heute. Besonders vielfältig ist das Gestein im Süden von Harris. Dort durchziehen Bänder seltener Gesteine die Insel von Ost nach West, darunter Marmor, Granat, Graphit und Pyrit. Aus diesen Vorkommen wählen sie ihr Rohmaterial sparsam aus.Die Palette reicht von Anhängern und Ohrringen aus Sterlingsilber über Schlüsselanhänger und Steinperlen bis zu Lichtschalterzügen, Steinwürfeln, Glasarbeiten und Kunstobjekten. Eine eigene Linie, die „Hebridean Heritage“, zeigt Anhänger mit traditioneller Bindung. Daneben gibt es dreiteilige Schnitzarbeiten, die zum Beispiel Harris-Marmor mit Granat, rosa-grauen Gneis oder grünlich geädertes Gestein zeigen. Ihre Arbeiten sollen laut dem Paar ein Stück der Inseln auch in der Ferne nah am Herzen tragen lassen. 

Gneiss Things – Schmuck aus den ältesten Steinen der Äußeren Hebriden

Eine Sache stellt Suzanne allerdings „unter den Scheffel“ – ihre Malkunst. Ihre Werke hängen an den Wänden des Gneiss Things Studio, spiegeln Harris in seinen wilden Facetten der Herbst- und Winterstürme, verwurzelt mit der Landschaft und dem Gestein: Ihre „Mixed Media Gemälde“ beinhalten u.a. auch fein gemahlenes Gestein. Ihre Bilder gibt es nur vor Ort zu kaufen – und allein deswegen macht ein Besuch des Studios Sinn! 

Glas im selben Haus: das Harris Glass Studio

Unter demselben Dach der „Old School“ von Seilebost arbeitet auch Debbie Stevenson und betreibt das „Harris Glass Studio“. Ihre Geschichte beginnt weit weg von den Hebriden: Mit einem kleinen Brennofen, der ihr zu Weihnachten geschenkt wurde, fing sie in der heimischen Küche an, Glas zu „fusen“. Aus dem Hobby wurde mehr. Nach ersten Verkäufen über die Plattform Etsy folgte ein größerer Ofen in einem Schuppen am Ende des Gartens ihres Hauses in den Cotswolds im Süden von England. Nachdem sie die Isle of Harris über viele Jahre immer wieder besucht hatten, kauften sie und ihr Mann dort schließlich selbst ein Haus. Ihr erstes Atelier richtete Lambert im Dorf Cluer ein, mit Blick auf die Bucht, direkt vor dem Fenster.

Local Hero "Harris Glass Studio", Foto GOEDE

Seit 2024 ist sie nun wie „Gneiss Things“ in der alten Schule direkt am Strand von Seilebost zu finden. Dort ist deutlich mehr Platz zum Arbeiten, und auch das Verpackungsmaterial ist aus dem Wohnhaus ausgezogen. „Das Atelier lässt sich zudem weit besser für Kurse nutzen als mein zugiger Schuppen von früher“, so Debbie Stevenson. Noch immer, so beschreibt sie es, ist es jeden Morgen aufs Neue spannend, den Ofen zu öffnen und zu sehen, was sich über Nacht verwandelt hat.

Local Hero "Harris Glass Studio", Foto GOEDE

Ihre Arbeiten greifen hebridische Motive auf. Die Kollektionen heißen „Wide Blue Ocean“, „Around the Island“ und „Suncatchers“, zu den beliebten Stücken zählen Glasfiguren wie Seesterne und Delfine, „Eilean Glas“ sowie die Untersetzer „Silver Darlings“. Wer einmal selber mit Glas arbeiten will: Sie bietet im Studio auch einen Workshop zum Glasfusen an. Wer vorbeikommen möchte, findet das Atelier von Anfang März bis Ende September montags bis freitags zwischen 10 und 16 Uhr geöffnet. Wegen gelegentlicher Schließungen sollte vorher mit ihr Kontakt aufgenommen werden.

Vom "Old School House" von Seilebost sind es keine 2 Minuten bis zum Strand von Seilebost mit Blick auf Luskentyre gegenüber. Foto GEDE

Text & Fotos © Hans-Martin Goede, 26.10.2026